Raumbilanz & Raumzustände
Wie der Solver die Energie- und Feuchtebilanz jeder Zone aufstellt und daraus Raumlufttemperatur, relative Feuchte und Dampfdruck berechnet
Überblick
Jeder Raum des Gebäudemodells wird in der Simulation als Zone mit einem gut durchmischten Luftknoten abgebildet. Zwei Modelle arbeiten zusammen:
- Das Raum-Bilanzmodell summiert in jedem Rechenschritt alle Wärmeströme (und bei aktivierter Feuchtebilanz alle Feuchteströme) in die Zone und liefert die Zeitableitung der bilanzierten Größen an den Integrator.
- Das Raum-Zustandsmodell rechnet die vom Integrator fortgeschriebene Energie (und Feuchtemasse) der Zone zurück in die Zustandsgrößen Raumlufttemperatur, relative Feuchte, Dampfdruck und absolute Feuchte.
Energiebilanz
Bilanzierte Erhaltungsgröße ist die Energie der Raumluft in Joule. Die Bilanzgleichung lautet
mit den Summanden (jeweils positiv in die Zone gerichtet):
| Beitrag | Ergebnisgröße | Herkunft |
|---|---|---|
| Wärmeleitung aller raumbegrenzenden Konstruktionsflächen | ConstructionHeatConductionLoad | Konstruktionsmodell |
| Wärmeleitung durch Fenster | WindowHeatConductionLoad | Fenstermodell |
| Solare Gewinne (Raumknoten-Anteil) | WindowSolarRadiationLoad | Fensterlasten × Raumknoten-Anteil aus dem Solarverteilungsmodell |
| Lüftung/Infiltration | VentilationHeatLoad | Lüftungsmodell |
| Konvektive interne Lasten (Geräte, Personen, Licht) | ConvectiveEquipmentHeatLoad, ConvectivePersonHeatLoad, ConvectiveLightingHeatLoad | Interne-Lasten-Modell |
| Ideale Heiz-/Kühllast | IdealHeatingLoad, IdealCoolingLoad (Kühllast positiv definiert, geht negativ ein) | Ideale Heizung/Kühlung |
| Wärmeeintrag von Netzkomponenten | NetworkHeatLoad | hydraulisches Netz (Distrikt) |
Alle Summanden stehen einzeln als Ausgabegrößen zur Verfügung, ebenso die Gesamtsumme CompleteThermalLoad sowie die elektrischen Leistungen EquipmentElectricalPower, LightingElectricalPower und TotalElectricalPower.
Rückrechnung auf die Lufttemperatur
Ohne Feuchtebilanz gilt zwischen bilanzierter Energie und Raumlufttemperatur der lineare Zusammenhang
mit dem Zonenvolumen in [m³] und der Zusatzwärmekapazität in [J/K], die die thermische Masse von Möblierung und leichten Einbauten pauschal abbildet (Raumparameter, siehe Raumeigenschaften). Startwert ist die Anfangstemperatur des Projekts.
Feuchtebilanz
Ist auf der Seite Dynamische Simulation die Option Aktiviere Feuchtebilanzierung gesetzt, wird je Zone eine zweite Erhaltungsgröße bilanziert — die Wasserdampfmasse in [kg]:
Die Energiebilanz erhält zusätzlich den Enthalpiestrom der Feuchtequellen (sensibel + latent). Die Rückrechnung auf die Temperatur berücksichtigt dann Wärmekapazität und Verdampfungsenthalpie des Wasserdampfs:
Als Ergebnisgrößen liefert das Zustandsmodell je Zone AirTemperature [C], RelativeHumidity [%], VaporPressure [Pa] und AbsoluteHumidity [kg/m³]; die Summe der Feuchteströme steht als CompleteMoistureLoad [kg/s] bereit.
Operative Temperatur
Das Komfortmodell berechnet zusätzlich die operative Temperatur (OperativeTemperature) je Zone aus Raumlufttemperatur und den flächengewichteten Oberflächentemperaturen der umschließenden Bauteile. Sie ist Bestandteil der Standard-Gebäudeausgaben und kann im Nutzungsprofil als Führungsgröße des Thermostats gewählt werden.
Gut zu wissen:
Die Raumluft selbst hat nur eine geringe Wärmekapazität — die Trägheit des Raums entsteht fast vollständig durch die angrenzenden Bauteile. Reagiert eine Zone in der Simulation unrealistisch schnell auf Lasten, fehlen meist Bauteilverknüpfungen zu Innenwänden und Decken oder eine angemessene Zusatzwärmekapazität.