Kalte Nahwärmenetze in Deutschland: Projekte im Überblick

Realisierte kalte Nahwärmenetze in Deutschland und der Schweiz: Größe, Wärmequellen, Inbetriebnahme und Besonderheiten — jede Angabe mit Quelle.

Inhaltsverzeichnis

In Deutschland sind kalte Nahwärmenetze vor allem in Neubaugebieten realisiert worden, betrieben meist von Stadtwerken, teils von Genossenschaften. Die belegten Projekte reichen von rund 20 Gebäuden bis zu etwa 1.200 Wohn- und Gewerbeeinheiten; als Quellen dienen überwiegend Erdwärmekollektoren und Erdwärmesondenfelder, in Einzelfällen ergänzt um Abwasserwärme, Agrothermie oder Eisspeicher. Die folgende Übersicht enthält ausschließlich Projekte, deren Eckdaten sich über Betreiber, Kommunen, Fachpresse oder Forschungsberichte belegen lassen.

Die technischen Grundlagen der kalten Nahwärme, also Netzhydraulik, dezentrale Wärmepumpen und Erdreichkopplung, beschreibt der Hauptartikel. Dieser Beitrag dient als Referenzsammlung für Planer, die in Machbarkeitsstudien oder Gremienvorlagen auf vergleichbare Projekte verweisen wollen.

Auswahlkriterien und Datenstand

Aufgenommen wurden Netze, die die Merkmale der 5. Generation erfüllen: Netztemperatur nahe Erdreichniveau, ungedämmte Leitungen, dezentrale Wärmepumpen in den Gebäuden. Warme Niedertemperaturnetze mit zentralen Wärmepumpen sind nicht enthalten, ebenso Projekte, die bislang nur geplant sind. Alle Angaben stammen aus den verlinkten Quellen, Stand Oktober 2026. Wo Quellen voneinander abweichen, ist das vermerkt; nicht belegte Werte sind als „k. A.” gekennzeichnet. Bei Projekten mit mehreren Bauabschnitten können sich Kennzahlen seit Veröffentlichung der Quelle geändert haben.

Realisierte Netze in Deutschland

Projekt / OrtIn Betrieb seitGrößeWärmequellenBesonderheitQuelle
Bad Nauheim-Süd (HE)2019400 WE in 140 Gebäuden, Netz ca. 6 kmErdwärme­kollektor 22.000 m² in zwei Lagen (je 11.000 m² in 1,5 und 3 m Tiefe)Monitoring in den Forschungsprojekten KNW-Opt und KNW-Opt IIZfK
Hüttengelände, Neustadt am Rübenberge (NI)2020 (1. BA)1. BA 145 WE, geplant 588 WE; Netz im Gebiet ca. 1,5 kmErdwärmekollektor, Endausbau 15.400 m² in drei AbschnittenKlimaquartier auf ehemaligem HüttengeländeIdeen­stadtwerke
Neuer Soester Norden, Soest (NW)1. BA in Betrieb, Erschlie­ßung ab 2021ca. 600 WE im Endausbau; 2. BA ca. 130 WE mit ca. 3 km LeitungenFlächen­kollektoren: 9.300 m² doppellagig (1. BA) und 23.000 m² (2. BA)Großes Neubaugebiet mit Kollektoren in 1,5–3 m TiefeSolarserver, Stadtwerke Soest
Lagarde-Campus, Bamberg (BY)2024ca. 1.200 Wohn- und Gewerbe­einheitenKollektoren 32.000 m² unter Gebäuden und Verkehrs­flächen, 74 Erdwärme­sonden bis 120 m, Abwasser­wärmetauscher 225 mInnerstädtische Konversions­fläche, Kombination dreier QuellenStadtwerke Bamberg
Vordere Viehweide, Wüstenrot (BW)201223 Wohn­häuserAgrothermie: ca. 1,5 ha Kollektor unter bewirtschafteter AckerflächeForschungsprojekt EnVisaGe, Plusenergie-SiedlungMGT 5/2017 (PDF)
Hochvogel­straße, Biberach an der Riß (BW)201642 WE (EFH, RH, MFH)35 Erdwärme­sonden bis 200 m, zusammen ca. 6.960 mBetreiber e.wa rissKEA-BW
Wichelkoppeln, Schleswig (SH)Netz 2021 fertig­gestelltca. 60 Bauplätze und FeuerwacheErdwärme­kollektoren, zwei Erdeisspeicher, PVT-KollektorenBegleit­forschung ErdEis II und IIITGA-Praxis, Stadtwerke SH
Lehmkuhle, Werther (TH)202333 Wohn­häuserErdwärme­kollektor 8.000 m²Erstes kaltes Netz in Thüringen, Bürgerenergie­genossenschaftstadt+werk
Niestadt­weg, Mettingen (NW)2024über 90 Anschlüsse geplant, Netz über 4.400 m38 Erdwärme­sonden bis 150 mAusbau in drei Bau­abschnittenSWTE Netz
Ufer­quartier, Hörstel (NW)202543 Anschlüsse inkl. Rathaus, Schule, Feuerwache; Netz ca. 1.850 m70 Erdwärme­sonden à ca. 80 mVersorgt kommunale Gebäude in der OrtsmitteSWTE Netz, stadt+werk
Spechort, Schermbeck (NW)2025/202649 Bauplätze, bis zu 80 WE; Netz ca. 600 mErdwärme­sondenfeld, ca. 26–30 Sonden à ca. 175 m (Quellen weichen ab)Anschluss­pflicht im BaugebietGelsenwasser
Erkings Hof, Hilter a. T. W. (NI)k. A. (Netz gebaut)39 EFH, 6 DHH, 3 MFH32 Erdwärme­sonden à 140 mGenossen­schaftlicher BetreiberTEN eG

WE = Wohneinheiten, BA = Bauabschnitt, EFH/DHH/RH/MFH = Einfamilien-/Doppel-/Reihen-/Mehrfamilienhaus.

Netze im Bau

Projekt / OrtStatusGrößeWärmequellenQuelle
Schlutuper Straße, Lübeck (SH)im Bau seit 2024, Inbetriebnahme für 2026 vorgesehenca. 400 WE, Netz ca. 3 km135 Erdwärme­sonden à ca. 170 m in neun Feldern, ca. 1,8 MWingenieur.de
Albachten-Ost, Münster (NW)im Bauca. 500 WE geplantbis zu 102 Erdwärme­sonden à ca. 250 m in fünf FeldernStadtwerke Münster
Grundwegsiedlung, Crailsheim (BW)Netz 2025, Kollektor ab 2027300 WE in 48 HäusernErdwärme­kollektor 15.000 m² in 1,5 m TiefeStadtwerke Crailsheim

Referenz aus der Schweiz: Anergienetz ETH Hönggerberg

Das bekannteste Anergienetz im deutschsprachigen Raum versorgt den Campus Hönggerberg der ETH Zürich seit 2013. Es koppelt Gebäude mit Heiz- und Kühlbedarf über eine Ringleitung und speichert sommerliche Abwärme in mehreren Erdwärmesondenfeldern. 2019 waren 14 Gebäude angeschlossen; 431 Sonden mit je 200 m Tiefe, zusammen rund 82 Sondenkilometer, bildeten den saisonalen Speicher. 2018 deckte das System 81 % des Wärme- und 78 % des Kältebedarfs der angeschlossenen Gebäude (energeiaplus, Bundesamt für Energie; IEA HPT Annex 47). Im Unterschied zu den deutschen Wohnquartieren ist die Wärme-Kälte-Bilanz hier durch den hohen Kühlbedarf der Labor- und Rechnergebäude weitgehend ausgeglichen. Wie sich eine solche Bilanz auf die Speicherauslegung auswirkt, beschreibt der Artikel Saisonale Speicherung in kalten Nahwärmenetzen.

Was die Projekte gemeinsam haben

Aus der Übersicht lassen sich einige Muster ablesen, die für neue Machbarkeitsstudien relevant sind:

  • Neubau dominiert: Fast alle Netze versorgen Neubaugebiete mit Flächenheizungen. Bestandsgebäude sind bislang die Ausnahme; in Hörstel werden kommunale Bestandsgebäude in der Ortsmitte angeschlossen. Die besonderen Anforderungen behandelt der Artikel Kalte Nahwärme im Bestandsquartier.
  • Quellenwahl folgt der Fläche: Große Gebiete mit Grün- oder Verkehrsflächen setzen auf Kollektoren (Bad Nauheim, Soest, Neustadt, Crailsheim). Kleinere oder dichter bebaute Gebiete nutzen Sondenfelder (Biberach, Mettingen, Hörstel, Lübeck, Münster).
  • Mehrere Quellen bei innerstädtischer Lage: Der Lagarde-Campus kombiniert Kollektoren unter Gebäuden, Sonden und Abwasserwärme, weil keine einzelne Quelle ausreicht.
  • Stadtwerke als Betreiber: Die meisten Netze werden von Stadtwerken oder kommunalen Gesellschaften betrieben, häufig mit Anschlusspflicht oder hoher Anschlussquote im Baugebiet. Genossenschaften treten in kleineren Projekten auf (Werther, Hilter).
  • Begleitforschung: Mehrere Projekte werden wissenschaftlich begleitet (Bad Nauheim, Wüstenrot, Schleswig). Die Monitoringergebnisse sind eine wertvolle Datenbasis für die Auslegung neuer Netze. In Bad Nauheim lieferte etwa die untere Kollektorlage in 3 m Tiefe 57 % der Entzugs- und 78 % der Kühlleistung (ZfK).

Vergleichsvarianten in VICUS Districts

Referenzprojekte liefern Größenordnungen, ersetzen aber nicht die Auslegung für den eigenen Standort. In VICUS Districts lassen sich Kollektor- und Sondenvarianten im selben Netzmodell vergleichen: Erdwärmesonden und Erdwärmekollektoren werden als Komponenten integriert und mit einem gekoppelten Erdreichmodell über mehrere Betriebsjahre simuliert.

Einordnung

Kalte Nahwärme ist in Deutschland über die Pilotphase hinaus. Die Zahl der Netze wächst, und neue Projekte werden größer: Während frühe Netze wie Wüstenrot (2012) und Biberach (2016) 23 Wohnhäuser bzw. 42 Wohneinheiten versorgen, liegen aktuelle Vorhaben bei 400 bis 600 Wohneinheiten mit Sondenfeldern von über 100 Bohrungen. Für die Planung bedeutet das, dass Erfahrungswerte aus kleinen Netzen nur begrenzt übertragbar sind. Hydraulik, Pumpenstrom und Langzeitverhalten der Quellen müssen für größere Netze gesondert nachgewiesen werden, wie im Artikel Dimensionierung kalter Nahwärmenetze (5GDHC) beschrieben.

Die Tabelle wird bei neuen belegbaren Projekten ergänzt. Hinweise auf weitere realisierte Netze mit öffentlich zugänglicher Quelle nehmen wir gern über die Kontaktseite entgegen.

Weiterführende Artikel: Kalte Nahwärme: Grundlagen beschreibt Funktionsprinzip und Komponenten, Dimensionierung kalter Nahwärmenetze (5GDHC) vertieft die hydraulische Auslegung, Saisonale Speicherung in kalten Nahwärmenetzen behandelt Quellen und Regeneration über die Betriebsdauer, und Kalte Nahwärme im Bestandsquartier zeigt die Voraussetzungen außerhalb von Neubaugebieten.

Quellen und Normen

Häufig gestellte Fragen

Wo gibt es in Deutschland kalte Nahwärmenetze?
Realisierte Beispiele sind unter anderem Bad Nauheim-Süd (Hessen), das Hüttengelände in Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen), der Neue Soester Norden (NRW), der Lagarde-Campus in Bamberg (Bayern), Wüstenrot und Biberach (Baden-Württemberg), Schleswig (Schleswig-Holstein) sowie Werther in Thüringen. Weitere Netze sind im Bau, etwa in Lübeck, Münster und Crailsheim.
Welche Wärmequellen nutzen realisierte kalte Nahwärmenetze?
In großen Neubaugebieten dominieren Erdwärmekollektoren mit 8.000 bis über 30.000 m² Fläche, in kleineren und dichteren Gebieten Erdwärmesondenfelder mit 30 bis über 100 Sonden. Einzelne Projekte kombinieren Kollektoren, Sonden und Abwasserwärme oder nutzen Agrothermie und Eisspeicher.
Wie groß sind kalte Nahwärmenetze in Deutschland?
Die belegten Projekte reichen von rund 20 Gebäuden bis zu etwa 1.200 Wohn- und Gewerbeeinheiten. Die Netzlängen liegen zwischen rund 600 m und mehreren Kilometern.

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