Wirkungsgrade und Bewertung
Definition und Bewertung von Wirkungsgraden in thermischen Netzen: Momentan- und Jahresnutzungsgrad, gewichtete Bewertung von Wärme und Strom
Das lernen Sie in diesem Artikel:
- Momentanwirkungsgrad vs. Jahresnutzungsgrad
- Brutto-/Nettowerte und Wärme-Kraft-Kopplung
- COP und Jahresarbeitszahl (SCOP) bei Wärmepumpen
Inhaltsverzeichnis
Der Netto-Jahresnutzungsgrad ist die aussagekräftigste Kenngröße für die Effizienz von Wärmeerzeugungsanlagen, da er Teillastbetrieb, Anfahrverluste und Eigenverbrauch über ein ganzes Betriebsjahr einschließt. Für Wärmepumpen in Netzanwendungen liegt der COP typischerweise bei 3,0 bis 5,0 (abhängig von Quellen- und Vorlauftemperatur), während BHKW einen Gesamtwirkungsgrad von 85 bis 95 % erreichen. Bei Anlagen mit Wärme-Kraft-Kopplung oder Wärmepumpen ist eine gewichtete Bewertung von Wärme und Strom erforderlich, um die unterschiedliche thermodynamische Wertigkeit beider Energieformen korrekt abzubilden.
Wirkungsgrad und Nutzungsgrad
Momentanwirkungsgrad
Der Wirkungsgrad beschreibt das Verhältnis von Nutzenergie zu zugeführter Energie zu einem bestimmten Zeitpunkt:
mit als nutzbare Wärmeleistung und als zugeführter Wärmeleistung im Brennstoff.
Die Bestimmung kann auf zwei Wegen erfolgen:
- Indirekte Methode: Auf Basis der über eine Abgasmessung berechneten Verluste: . Liefert den feuerungstechnischen Wirkungsgrad.
- Direkte Methode: Aus gemessener Wärmeproduktion und gleichzeitig zugeführter Brennstoffenergie. Aussagekräftiger, setzt aber voraus, dass die Anlage sich im stationären Zustand befindet.
Jahresnutzungsgrad
Der Nutzungsgrad bezieht sich auf einen längeren Betrachtungszeitraum (typischerweise ein Jahr) und berücksichtigt damit auch Anfahrverluste, Stillstandsverluste und Teillastbetrieb:
mit als jährlich erzeugte Nutzwärme [kWh/a] und als jährlich zugeführte Brennstoffenergie [kWh/a].
Der Jahresnutzungsgrad liegt stets unter dem Momentanwirkungsgrad bei Volllast, da Teillastbetrieb und Stillstandszeiten die Effizienz mindern.
Brutto und Netto
Sowohl für Wirkungsgrade als auch für Nutzungsgrade wird zwischen Brutto- und Nettowerten unterschieden:
- Bruttowerte berücksichtigen den Ertrag ohne den Eigenverbrauch der Anlage
- Nettowerte ziehen den Eigenverbrauch an Hilfsenergie (z. B. Strom für Brennstofftrocknung, Pumpen, Gebläse) ab
Für die Bewertung eines Wärmeerzeugungssystems ist der Netto-Jahresnutzungsgrad die aussagekräftigste Kennzahl.
Anlagen mit Stromerzeugung
Bei Anlagen mit Wärme-Kraft-Kopplung (BHKW, ORC, Dampfturbine) wird die Gesamteffizienz über getrennte Wirkungsgrade für Wärme und Strom beschrieben:
mit:
- = Wirkungsgrad Wärmeproduktion
- = Wirkungsgrad Stromproduktion
- = elektrische Leistung
Typische Werte nach Anlagentyp
| Anlagentyp | |||
|---|---|---|---|
| Heizwerk (Holzkessel) | 0,85 — 0,92 | — | 0,85 — 0,92 |
| Holz-WKK mit ORC | 0,65 — 0,75 | 0,10 — 0,18 | 0,80 — 0,90 |
| Holzheizkraftwerk (Dampf) | 0,50 — 0,65 | 0,15 — 0,30 | 0,80 — 0,90 |
| BHKW (Erdgas/Biogas) | 0,50 — 0,60 | 0,30 — 0,40 | 0,85 — 0,95 |
Gewichtete Bewertung von Wärme und Elektrizität
Wärme und Strom sind nicht gleichwertig: Strom ist thermodynamisch hochwertiger (höherer Exergiegehalt) und hat in der Regel einen höheren Marktwert. Für einen fairen Vergleich verschiedener Erzeugungstechnologien wird daher eine gewichtete Bewertung herangezogen.
Ein einfacher Ansatz verwendet einen Stromkennzahl-Faktor :
Je höher die Stromkennzahl, desto mehr Strom wird pro Einheit Wärme erzeugt. Für die Bewertung der Primärenergie wird der erzeugte Strom mit einem Primärenergiefaktor des Strommixes gutgeschrieben.
Gesamt-Jahresnutzungsgrad
Für die Jahresbetrachtung gilt analog:
WKK-Anlagen werden typischerweise auf Grundlastwärmebedarf ausgelegt, um hohe Vollbetriebsstunden (> 5000 h/a) zu erreichen. Dies gewährleistet eine vollständige Nutzung der Abwärme und damit einen hohen Gesamtnutzungsgrad.
Wirkungsgrad von Wärmepumpen
Wärmepumpen werden über die Leistungszahl (COP) und die Jahresarbeitszahl (JAZ bzw. SCOP) bewertet:
Der COP hängt stark von den Betriebstemperaturen ab. Als Faustregel sinkt der COP um ca. 2,5 % pro Kelvin Temperaturhub. Für Netzanwendungen sind folgende Werte typisch:
| Quelle / Vorlauf | COP (Auslegung) |
|---|---|
| Seewasser 8 °C / 50 °C VL | 4,0 — 4,5 |
| Grundwasser 10 °C / 50 °C VL | 4,5 — 5,0 |
| Abwasser 15 °C / 65 °C VL | 3,5 — 4,0 |
| Luft 2 °C / 50 °C VL | 3,0 — 3,5 |
COP-Berechnung in VICUS Districts:
Die Wärmepumpen-Simulation berechnet den COP in jedem Zeitschritt aus den tatsächlichen Quell- und Senkentemperaturen. Die Jahresarbeitszahl (SCOP) ergibt sich automatisch aus der Integration über den Simulationszeitraum — deutlich genauer als ein pauschaler Normwert, da die realen Temperaturverhältnisse im Netz berücksichtigt werden.
Fazit
Die korrekte Verwendung und Interpretation von Wirkungsgraden ist fundamental für die Bewertung und den Vergleich von Wärmeerzeugungstechnologien. Für die Netzplanung ist der Netto-Jahresnutzungsgrad die maßgebliche Größe, da er alle realen Betriebszustände einschließt. Bei WKK-Anlagen und Wärmepumpen ist eine gewichtete Bewertung erforderlich, um die unterschiedliche Wertigkeit von Wärme und Strom angemessen zu berücksichtigen.
Weiterführende Artikel: Netztemperaturen erläutert den Einfluss der Vor- und Rücklauftemperaturen auf COP und Wirkungsgrad der Wärmeerzeuger, Rücklauftemperatur-Optimierung zeigt, wie niedrige Rücklauftemperaturen den Erzeuger-Wirkungsgrad im Betrieb verbessern, und Wirtschaftlichkeitsberechnung nach VDI 2067 beschreibt die Methodik zur wirtschaftlichen Bewertung der Erzeugungsanlagen unter Berücksichtigung ihrer Wirkungsgrade.
Quellen und Normen
- VDI 2067 Blatt 1 — Wirtschaftlichkeit gebäudetechnischer Anlagen — Grundlagen und Kostenberechnung
- DIN EN 15316 — Energetische Bewertung von Gebäuden — Verfahren zur Berechnung der Energieanforderungen und Nutzungsgrade der Anlagen
- AGFW FW 309 — Energetische Bewertung von Fernwärme und Fernkälte
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Wirkungsgrad und Nutzungsgrad?
Welchen COP erreichen Wärmepumpen in Fernwärmenetzen?
Was ist der Gesamtwirkungsgrad eines BHKW?
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