Auslegung von Wärmeübergabestationen
Übergabestationen in Wärmenetzen: Dimensionierung für Trinkwarmwasser und Raumwärme, Gleichzeitigkeitsfaktoren und Schaltungsvarianten erklärt.
Das lernen Sie in diesem Artikel:
- Aufbau und Komponenten einer Übergabestation
- Gleichzeitigkeitsfaktoren und Dimensionierung
- Vorlauftemperaturen und Einfluss auf die Netzplanung
Inhaltsverzeichnis
Eine Wärmeübergabestation (WÜST) übergibt die Netzwärme an die gebäudeseitigen Heizkreise und die Trinkwarmwasserbereitung — typischerweise über einen Plattenwärmetauscher mit Grädigkeiten von 2—5 K. Die Dimensionierung richtet sich nach dem Wärmeleistungsbedarf für Heizung und TWW unter Berücksichtigung von Gleichzeitigkeitsfaktoren, die bei 100 Wohneinheiten die TWW-Spitzenleistung auf nur 10—18 % der Summenleistung reduzieren können. Eine zu kleine Station verursacht Unterversorgung an kalten Tagen, eine überdimensionierte Station erhöht Investitionskosten und Rücklauftemperaturen.
Aufbau und Komponenten
Eine typische Hausübergabestation besteht aus folgenden Kernkomponenten:
- Primärseitiger Anschluss mit Absperrventilen, Schmutzfänger und Differenzdruckregler
- Wärmetauscher zur hydraulischen Trennung zwischen Netz und Gebäude (bei indirektem Anschluss)
- Regelventil mit Stellantrieb zur Steuerung des primärseitigen Volumenstroms
- Wärmemengenzähler zur Verbrauchserfassung
- Sekundärseitige Komponenten: Umwälzpumpe, Sicherheitsgruppe, Ausdehnungsgefäß
Die hydraulische Trennung über einen Plattenwärmetauscher ist in den meisten Netzen Standard, da sie das Netz vor Druckproblemen schützt und unterschiedliche Betriebsdrücke auf Primär- und Sekundärseite erlaubt.
Übergabestationen in VICUS Districts:
Übergabestationen werden als Netzkomponenten in vier Varianten modelliert: Wärmetauscher mit individuellen Kennwerten, generischer Wärmetauscher (automatisch dimensioniert aus der Anschlussleistung), Fernwärme-Übergabestation mit begrenzter Kapazität sowie generische Fernwärme-Übergabestation (automatisch dimensioniert). Die „generischen” Varianten leiten ihre thermische Leistung direkt aus der Gebäude-Anschlussleistung ab — eine manuelle Auslegung entfällt. Primär- und sekundärseitige Temperaturen werden getrennt berechnet, sodass Vor- und Rücklauftemperaturen auf beiden Seiten als Simulationsergebnis vorliegen.
Trinkwarmwasserbereitung
Die Trinkwarmwasserbereitung (TWW) bestimmt in vielen Fällen die Spitzenleistung der Übergabestation und damit deren Dimensionierung. Es werden zwei grundsätzliche Systeme unterschieden:
Indirekte Bereitung mit Speicher
Ein Trinkwarmwasserspeicher (typisch 200 bis 500 Liter für Einfamilienhäuser, 500 bis 2000 Liter für Mehrfamilienhäuser) wird über einen Wärmetauscher durch das Netz geladen. Die benötigte Ladeleistung hängt von der gewählten Ladezeit und dem Speichervolumen ab:
mit dem Speichervolumen , der Dichte , der spezifischen Wärmekapazität , der Temperaturdifferenz (typisch 45 K bei Erwärmung von 10 auf 55 °C) und der Ladezeit .
Der Vorteil des Speichersystems liegt in der geringeren Anschlussleistung: Der Speicher kann über einen längeren Zeitraum (z. B. 2 bis 4 Stunden) geladen werden, sodass die Netzspitzenleistung geringer ausfällt. Nachteilig ist das Legionellenrisiko bei Speichertemperaturen unter 60 °C, das regelmäßige thermische Desinfektion erfordert.
Direkte Bereitung (Durchflussprinzip)
Bei der Frischwasserstation wird das Trinkwasser im Durchfluss über einen Plattenwärmetauscher erwärmt. Es wird kein warmes Trinkwasser bevorratet, wodurch das Legionellenrisiko praktisch entfällt. Allerdings erfordert diese Variante eine deutlich höhere Spitzenleistung, da der gesamte Zapfbedarf in Echtzeit gedeckt werden muss.
Für ein Einfamilienhaus mit einem Spitzenzapfbedarf von ca. 15 l/min bei 45 °C und einer Kaltwassertemperatur von 10 °C ergibt sich:
Dieser Wert zeigt, warum Gleichzeitigkeitsfaktoren bei der Netzauslegung so wichtig sind — nicht alle Gebäude zapfen gleichzeitig mit voller Wärmeleistung.
Gleichzeitigkeitsfaktoren
Der Gleichzeitigkeitsfaktor beschreibt das Verhältnis der tatsächlich gleichzeitig auftretenden Leistung zur Summe aller installierten Anschlussleistungen:
Die Gleichzeitigkeit sinkt mit steigender Anzahl der Abnehmer, da die individuellen Bedarfsspitzen zeitlich versetzt auftreten. In der Praxis wird zwischen Heizungsgleichzeitigkeit und TWW-Gleichzeitigkeit unterschieden:
Heizungsgleichzeitigkeit
Die Gleichzeitigkeit für Raumwärme ist vergleichsweise hoch, da alle Gebäude bei tiefen Außentemperaturen gleichzeitig heizen. Typische Werte:
| Anzahl Abnehmer | |
|---|---|
| 1-5 | 1,0 |
| 10 | 0,85 - 0,95 |
| 50 | 0,75 - 0,85 |
| 100 | 0,70 - 0,80 |
TWW-Gleichzeitigkeit
Die TWW-Gleichzeitigkeit ist deutlich niedriger, da Zapfvorgänge kurzzeitig und statistisch verteilt auftreten:
| Anzahl Wohneinheiten | (Durchfluss) |
|---|---|
| 1 | 1,0 |
| 10 | 0,40 - 0,50 |
| 50 | 0,15 - 0,25 |
| 100 | 0,10 - 0,18 |
| 500 | 0,05 - 0,10 |
Diese Werte orientieren sich an der DIN 4708 und an Erfahrungswerten aus dem Betrieb bestehender Netze. Bei Gebäuden mit Speichersystemen entfällt die TWW-Gleichzeitigkeit auf Netzebene weitgehend, da die Speicher asynchron geladen werden können.
Auslegung für verschiedene Gebäudetypen
Einfamilienhaus (Neubau, KfW-55-Standard)
- Heizlast: 4 bis 6 kW
- TWW-Leistung (Durchfluss): 30 bis 40 kW
- TWW-Leistung (Speicher, 300 l): 8 bis 12 kW
- Typische Anschlussleistung: 15 bis 20 kW (mit Speicher)
Mehrfamilienhaus (20 Wohneinheiten, Bestandsbau)
- Heizlast: 80 bis 120 kW
- TWW-Leistung (zentrale Frischwasserstation): ca. 120 kW
- Gleichzeitigkeitsfaktor TWW: ca. 0,35
- Typische Anschlussleistung: 120 bis 160 kW
Gewerbegebäude (Büro, 2000 m)
- Heizlast: 60 bis 100 kW
- TWW-Leistung: gering (5 bis 10 kW)
- Typische Anschlussleistung: 70 bis 110 kW
Vorlauftemperatur und Grädigkeit
Die erforderliche primärseitige Vorlauftemperatur richtet sich nach den sekundärseitigen Anforderungen zuzüglich der Grädigkeit des Wärmetauschers. Die Grädigkeit beschreibt die minimale Temperaturdifferenz zwischen Primär- und Sekundärseite:
Übliche Grädigkeiten für Plattenwärmetauscher in Übergabestationen liegen bei 2 bis 5 K. Für die Trinkwarmwasserbereitung auf 55 °C bei einer Grädigkeit von 3 K ergibt sich somit eine erforderliche Primärvorlauftemperatur von mindestens 58 °C.
Ebenso beeinflusst die Rücklauftemperatur die Netzeffizienz erheblich. Niedrige Rücklauftemperaturen (unter 40 °C) senken die Wärmeverluste und erhöhen die nutzbare Spreizung. Die sekundärseitige Rücklauftemperatur wird primärseitig um die Grädigkeit unterschritten:
Pufferspeicher auf Netzseite
In einigen Netzkonzepten wird ein zentraler oder dezentraler Pufferspeicher auf der Primärseite eingesetzt, um Leistungsspitzen zu glätten. Die Dimensionierung richtet sich nach der erwarteten Spitzenleistung und der gewünschten Überbrückungszeit:
Für eine Spitzenleistung von 500 kW, eine Überbrückungszeit von 30 Minuten und eine nutzbare Spreizung von 30 K ergibt sich ein Speichervolumen von ca. 7200 Litern.
Anlageneditor in VICUS Districts:
Ein grafischer Anlageneditor ermöglicht es, den hydraulischen Schaltkreis einer Übergabestation aus Bausteinen (Wärmetauscher, Ventile, Pumpen, Rohre) per Drag-and-Drop zusammenzubauen. Zwei Modi stehen zur Verfügung: für die Erzeugerzentrale und für die Gebäudeversorgung.
Versorgungssicherheit in VICUS Districts:
Die Simulation erfasst Unterversorgungszustände: Wenn die gelieferte Wärmeleistung den Bedarf unterschreitet, werden Wärmedefizit und Unterversorgungsdauer protokolliert — eine wichtige Kenngröße für die Bewertung der Versorgungssicherheit.
Fazit
Die Wärmeübergabestation ist ein zentrales Element jedes Wärmenetzes und verdient besondere Sorgfalt bei der Auslegung. Die Wahl zwischen Speicher- und Durchfluss-Trinkwarmwasserbereitung beeinflusst die Anschlussleistung und damit die gesamte Netzdimensionierung erheblich. Gleichzeitigkeitsfaktoren reduzieren die erforderliche Netzleistung deutlich gegenüber der Summe der Einzelanschlüsse und sollten bei der Planung realistisch angesetzt werden. In VICUS Districts lassen sich Übergabestationen mit ihren Leistungsdaten direkt im Netzmodell abbilden und deren Einfluss auf die Gesamthydraulik simulieren. Niedrige Grädigkeiten und Rücklauftemperaturen sind Schlüsselfaktoren für ein effizientes Netz — sie müssen jedoch mit den Investitionskosten für größere Wärmetauscher abgewogen werden.
Weiterführende Artikel: Hydraulische Grundschaltungen, Hydraulischer Abgleich und Warmwasserbereitung in Wärmenetzen. Darüber hinaus erläutert Netztemperaturen die Zusammenhänge zwischen Netzvorlauftemperatur und Übergabestationsauslegung, und Rücklauftemperatur-Optimierung zeigt, wie niedrige Rücklauftemperaturen an der Übergabestation die Gesamteffizienz des Netzes verbessern.
Quellen und Normen
- AGFW FW 515 — Regelung und Steuerung in Fernwärmenetzen
- DIN EN 12828 — Heizungsanlagen in Gebäuden — Planung von Warmwasser-Heizungsanlagen
- Nussbaumer, T.; Thalmann, S.; Zaugg, D.; Cueni, M. (2025): Planungshandbuch Thermische Netze. Version 2.0, EnergieSchweiz / Bundesamt für Energie BFE.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine Wärmeübergabestation?
Wie wird eine Übergabestation dimensioniert?
Was ist der Unterschied zwischen direktem und indirektem Anschluss?
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