Wärmeleistungsbedarf und Lastgang
Wie wird der Wärmeleistungsbedarf eines thermischen Netzes ermittelt? Lastkennlinien, Jahresdauerlinien und Vollbetriebsstunden
Das lernen Sie in diesem Artikel:
- Komponenten des Gesamtwärmebedarfs
- Lastkennlinie, Jahresdauerlinie und Vollbetriebsstunden
- Gleichzeitigkeitsfaktor und Bedarfsermittlung
Inhaltsverzeichnis
Der Wärmeleistungsbedarf bestimmt die Auslegung aller Komponenten eines thermischen Netzes — von den Wärmeerzeugern über die Rohrdimensionierung bis zur Wirtschaftlichkeit. Er setzt sich aus Raumwärme (8—30 W/m² je nach Gebäudetyp), Warmwasser und Verteilverlusten zusammen und wird über die Jahresdauerlinie analysiert, die den Bedarf in Grundlast und Spitzenlast aufteilt. Der Gleichzeitigkeitsfaktor (0,50—0,80 je nach Kundenzahl) senkt den tatsächlichen Leistungsbedarf gegenüber der Summe der Einzelanschlüsse erheblich.
Bestandteile des Wärmeleistungsbedarfs
Der Gesamtwärmebedarf eines thermischen Netzes setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen:
- Raumwärme: Witterungsabhängig, starke saisonale Schwankungen, typischerweise nur während der Heizperiode (ca. 250 Tage/Jahr)
- Warmwasser: Ganzjährig anfallend, relativ konstant mit leichten saisonalen Schwankungen
- Prozesswärme: Je nach Abnehmerstruktur (Industrie, Gewerbe) mit eigenem Lastprofil
- Wärmeverteilverluste: Ganzjährig, abhängig von Netztemperaturen und Dämmung
Spezifischer Wärmebedarf nach Gebäudetyp
Der spezifische Heizwärmebedarf variiert stark je nach Gebäudestandard und Baujahr:
| Gebäudetyp | Spez. Wärmeleistungsbedarf |
|---|---|
| Herkömmlich wärmegedämmte Wohnhäuser | 20 — 27 W/m² |
| Gut wärmegedämmte Wohnhäuser | 15 — 20 W/m² |
| Neubauten nach heutigem Standard | 8 — 15 W/m² |
| Herkömmliche Dienstleistungsgebäude | 23 — 30 W/m² |
| Werkstatt- und Produktionsräume | 10 — 20 W/m² |
Diese Werte beziehen sich auf die Energiebezugsfläche (EBF) und dienen als erste Abschätzung. Für bestehende Bauten ist eine Abschätzung auf Basis des tatsächlichen Energieverbrauchs vorzuziehen.
Lastprofile in VICUS Districts:
Für die Verbrauchermodellierung können verschiedene Lastprofile verwendet werden — vordefinierte Profile für typische Gebäudetypen oder eigene Zeitreihen. Auch Messdaten aus dem Netzbetrieb lassen sich sehr schnell direkt übernehmen. Raumheizwärme- und Trinkwarmwasserbedarf werden getrennt modelliert.
Lastkennlinie und Jahresdauerlinie
Lastkennlinie
Die Lastkennlinie stellt den Zusammenhang zwischen dem Wärmeleistungsbedarf des Netzes und der Außentemperatur dar. Sie wird aus den Leistungsanforderungen aller angeschlossenen Kunden in Abhängigkeit der Außentemperatur zusammengesetzt:
- Bei Auslegungstemperatur (z. B. °C in Zürich): maximaler Wärmeleistungsbedarf
- Bei Heizgrenze (z. B. °C): nur Warmwasser und Wärmeverluste
- Oberhalb der Heizgrenze: reduzierter Sommerbetrieb
Jahresdauerlinie
Die Jahresdauerlinie ist eines der wichtigsten Planungsinstrumente. Sie ordnet die stündlichen Leistungswerte eines Jahres der Größe nach und zeigt, wie viele Stunden im Jahr eine bestimmte Leistung überschritten wird.
Typische Merkmale einer Jahresdauerlinie für thermische Netze:
- Der Spitzenleistungsbedarf tritt nur wenige hundert Stunden im Jahr auf
- Rund 50 % des Jahreswärmebedarfs werden in nur 100 bis 120 Tagen benötigt
- Der Sommerbetrieb (Warmwasser, Verluste) umfasst ca. 15 — 25 % des Spitzenbedarfs
Die Jahresdauerlinie bildet die Grundlage für die Aufteilung in Grundlast und Spitzenlast, was direkt die Wahl und Dimensionierung der Wärmeerzeuger bestimmt.
Vollbetriebsstunden
Die Vollbetriebsstunden beschreiben die Äquivalentzeit, in der ein Erzeuger bei Nennleistung laufen müsste, um den Jahresenergiebedarf zu decken:
mit als Jahreswärmeenergie [kWh/a] und als maximaler Wärmeleistung [kW].
Typische Vollbetriebsstunden für verschiedene Gebäudetypen und Regionen:
| Gebäudetyp / Region | Vollbetriebsstunden |
|---|---|
| Wohngebäude Altbau, Mittelland | 2000 — 2500 h/a |
| Wohngebäude Neubau, Mittelland | 1300 — 1700 h/a |
| Wohngebäude Altbau, Bergregion | 2300 — 2800 h/a |
| Wohngebäude Neubau, Bergregion | 1600 — 2300 h/a |
Die Vollbetriebsstunden sind ein wichtiger Indikator für die Auslastung des Netzes und damit für die Wirtschaftlichkeit.
Gleichzeitigkeitsfaktor
Nicht alle Kunden fordern gleichzeitig ihre maximale Leistung ab. Der Gleichzeitigkeitsfaktor beschreibt das Verhältnis zwischen der maximalen gleichzeitig auftretenden Leistung und der Summe aller abonnierten Anschlussleistungen:
Der Gleichzeitigkeitsfaktor sinkt mit zunehmender Anzahl der Wärmekunden. Bei Wohngebäuden liegt er typischerweise bei:
- 5 Kunden:
- 20 Kunden:
- 100 Kunden:
- 300 Kunden:
Der Gleichzeitigkeitsfaktor hat direkten Einfluss auf die Dimensionierung der Wärmeerzeuger und der Hauptleitungen. Er wird in der Regel nicht auf die Hausanschlussleitungen angewendet, da diese den Einzelbedarf jedes Kunden abdecken müssen.
Erzeuger-Dimensionierung in VICUS Districts:
Ein Assistent zur automatischen Wärmeerzeuger-Dimensionierung summiert die Heizleistungen aller Verbraucher, addiert einen konfigurierbaren Netzverlustzuschlag (Standard: 15 %) und wendet einen Deckungsfaktor an (Standard: 100 %). Daraus werden die erforderliche maximale Heizleistung und der Volumenstrom für die Erzeugerzentrale berechnet.
Ermittlung in der Praxis
Für die Bestimmung des Wärmeleistungsbedarfs hat sich ein iteratives Vorgehen bewährt:
- Energiebezugsfläche (EBF) der Gebäude ermitteln
- Spezifischen Heizwärmebedarf anhand von Gebäudestandard und Nutzungsart abschätzen
- Warmwasserbedarf ergänzen (bei Wohngebäuden ca. 20 kWh/(m²·a))
- Lastgang auf Basis von Klimadaten und Nutzungsprofilen modellieren
- Jahresdauerlinie aus den stündlichen Werten ableiten
- Gleichzeitigkeitsfaktor ansetzen und Gesamtleistungsbedarf bestimmen
Für bestehende Gebäude kann der Energieverbrauch über Heizkostenabrechnungen und Zählerstandsauswertungen validiert werden. Bei Neubauten ist auf die durch Gebäudesanierungen sinkenden Verbräuche während der Betriebsdauer des Netzes zu achten.
Bedeutung für die Netzplanung
Die sorgfältige Ermittlung des Wärmeleistungsbedarfs bildet das Fundament aller nachfolgenden Planungsschritte. Ein überschätzter Bedarf führt zu überdimensionierten und damit unwirtschaftlichen Anlagen. Ein unterschätzter Bedarf kann Versorgungsengpässe verursachen. Simulationssoftware wie VICUS Districts ermöglicht die detaillierte Modellierung von Lastprofilen und deren Zusammenspiel mit der Erzeugung und dem Verteilnetz.
Weiterführende Artikel: Rohrdimensionierung zeigt, wie der ermittelte Wärmeleistungsbedarf in die Bestimmung der Rohrdurchmesser einfließt, Versorgungsgebiet und Wärmebezugsdichte beschreibt die räumliche Analyse des Wärmebedarfs als Grundlage der Netzplanung, und Wirtschaftlichkeitsberechnung nach VDI 2067 erläutert, wie der Lastgang in die Wirtschaftlichkeitsbewertung eingeht.
Quellen und Normen
- DIN EN 12831 — Energetische Bewertung von Gebäuden — Verfahren zur Berechnung der Norm-Heizlast
- VDI 4655 — Referenzlastprofile von Wohngebäuden für Strom, Heizung und Trinkwarmwasser
- AGFW FW 309 — Energetische Bewertung von Fernwärme und Fernkälte
Häufig gestellte Fragen
Wie wird der Wärmeleistungsbedarf eines Wärmenetzes ermittelt?
Was ist eine Jahresdauerlinie und wozu dient sie?
Wie groß ist der Gleichzeitigkeitsfaktor in Wärmenetzen?
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